Act I Scene 4-2 Herrn Tristan Bringe Meinen Gruß lyricsby Wagner
Isolde
(nachdem sie zuerst bei der Meldung in Schauer zusammengefahren, gefaßt und mit Würde) Herrn Tristan bringe meinen Gruß und meld ihm, was ich sage. Sollt' ich zur Seit' ihm gehen, vor König Marke zu stehen, nicht möcht' es nach Zucht und Fug geschehn, empfing ich Sühne nicht zuvor für ungesühnte Schuld. Drum such er meine Huld. (Kurwenal macht eine trotzige Gebärde. Isolde fährt mit Steigerung fort) Du merke wohl und meld es gut! Nicht woll' ich mich bereiten, ans Land ihn zu begleiten; nicht werd' ich zur Seit' ihm gehen, vor König Marke zu stehen; begehrte Vergessen und Vegeben nach Zucht und Fug er nicht zuvor für ungebüßte Schuld: die böt' ihm meine Huld. Kurwenal Sicher wißt, das sag' ich ihm; nun harrt, wie er mich hört! (Er geht schnell zurück. Isolde eilt auf Brangäne zu und umarmt sie heftig) Isolde Nun leb wohl, Brangäne! Grüß mir die Welt, grüße mir Vater und Mutter! Brangäne Was ist? Was sinnst du? Wolltest du fliehn? Wohin soll ich dir folgen? Isolde (faßt sich schnell) Hörtest du nicht? Hier bleib' ich, Tristan will ich erwarten. Getreu befolg, was ich befehl', den Sühnetrank rüste schnell; du weißt, den ich dir wies? (Sie entnimmt dem Schrein das Fläschen) Brangäne Und welchen Trank? Isolde Diesen Trank! In die goldne Schale gieß ihn aus; gefüllt faßt sie ihn ganz. Brangäne (voll Grausen das Fläschen empfangend) Trau' ich dem Sinn? Isolde Sei du mir treu! Brangäne Den Trank, für wen? Isolde Wer mich betrog Brangäne Tristan? Isolde trinke mir Sühne! Brangäne (zu Isoldes Füßen stürzend) Entsetzen! Schone mich Arme! Isolde (sehr heftig) Schone du mich, untreue Magd! Kennst du der Mutter Künste nicht? Wähnst du, die alles klug erwägt, ohne Rat in fremdes Land hätt' sie mit dir mich entsandt? Für Weh und Wunden gab sie Balsam, für böse Gifte Gegengift. Für tiefstes Weh, für höchstes Leid gab sie den Todestrank. Der Tod nun sag ihr Dank! Brangäne (kaum ihrer mächtig) O tiefstes Weh! Isolde Gehorchst du mir nun? Brangäne O höchstes Leid! Isolde Bist du mir treu? Brangäne Der Trank? Kurwenal (eintretend) Herr Tristan! (Brangäne erhebt sich erschrocken und verwirrt. Isolde sucht mit furchtbarer Anstrengung sich zu fassen) Isolde (zu Kurwenal) Herr Tristan trete nah! (Kurwenal geht wieder zurück. Brangäne, kaum ihrer mächtig, wendet sich in den Hintergrund. Isolde, ihr ganzes Gefühl zur Entscheidung zusammenfassend, schreitet langsam, mit großer Haltung, dem Ruhebett zu, auf dessen Kopfende sich stützend sie den Blick fest dem Eingange zuwendet. Tristan tritt ein und bleibt ehrerbietig am Eingange stehen. Isolde ist mit furchtbarer Aufregung in seinen Anblick versunken. Langes Schweigen) |